Archive de banalités tunisoises
"L'épreuve du dehors", 2008
"Archeology of the Visual 'Contemporaneity'", 2008


Installations
"under standing over views", 2009
"Two Paintings and a Book", 2008
"Give a name to your boat", 2008
—, french version


Approach, french
—, english

Studies
Skins, french, 2007
—, german, 2007




PDF

Skins Die unter dem Titel "Skins" versammelten Bilder lassen sich in gewissem Sinne als Aufnahmen von Elementen verstehen. Unter "Elementen" verstehe ich die Spuren der Zeit in den materiellen und räumlichen Begrenzungen des öffentlichen Lebensraumes. Dies können Zerfallsspuren oder Ausdrucksspuren sein, Beschädigungen, Scratchings, intime Bekenntnisse, Zeichnungen, Graffitis usw. Durch die künstlerische Aufnahmetechnik sollen sie der Beiläufigkeit entrissen werden, der sie im kontinuierlichen Lauf des tagtäglichen Geschehens unterworfen sind. Die Aufnahme verfremdet ihre Beziehung zum Banalen und hebt sie als Partikel einer populären Kunst des Alltags hervor. Durch die verfremdende Reproduktion auf der Leinwand wird die eigene Textur von Zeichen, Spuren, Schriften, Sinnsprüchen etc. herausgeschärft und deren visuelle und haptische Wirklichkeit erkennbar gemacht. Wie die bildlichen Splitter eines aufgesprengten Zusammenhangs von Teil und Ganzem reflektieren die diskontinuierlichen Elemente eine lockere Beziehung zwischen dem öffentlichen Raum und der intimeren Räumlichkeit der Leinwand.
Die "Skins" sind Bilder, deren Formen durch die Aufnahme eines Wirklichkeitsausschnitts bestimmt sind. Mit Wachs, Tusche und/oder anderen Medien werden Abdrücke auf Papier hergestellt, die sich, wie die Haut einer Mauer, auch über mehrere Meter erstrecken können. In meiner Arbeit geht es mir darum, die Oberfläche des öffentlichen Raums zu erforschen, die sich an Nicht-Orten, Heterotopien und Passagen des alltäglichen Zusammenlebens ausspannt. Sie wird sichtbar auf Mauern, U-Bahnfenstern, Straßenbahnen und Schaufenstern; sie lässt sich an Kratzern und zeichenförmigen Gravuren abtasten; und sie gibt sich als unkonventionelle Schrift des Alltäglichen zu erkennen, die auf ihre Dechiffrierung wartet. Zeichnungen mit Tags, Peaces, Botschaften, Schimpfwörtern, Bekenntnissen, vielfältige Formen von "Street Art" oder bloße Langeweile vermengen sich darin mit den Spuren der Zeit und der Geschichte, mit abblätternden Häuserfassaden, Kriegsspuren... Sie bilden die Elemente einer unmittelbar wirklichen Sprache, in der ein nicht überschaubares integrales, doch brüchiges Bild des gegenwärtigen Daseins reproduziert wird.
Diese Oberfläche lässt sich wie die zugleich sichtbare und unsichtbare Haut des sozialen Charakters einer Stadt abfühlen. Meine Interventionen richten sich nicht allein darauf, dem nachzuspüren. Es geht mir vor allem darum, den Spuren derjenigen zu folgen, die am Zusammenleben teilnehmen und es in irgendeiner Weise visuell mitgestalten und überliefern. Es geht um die Frage, in welchen historischen und sozialen Konfigurationen Menschen und Dinge zueinander treten und sich durch ihre eigenen Interventionen in dem Raum einer Stadt oder eines Milieus einrichten und ihm so eine visuelle Haut des kollektiven Unbewussten überspannen.
Dazu sammle ich Ausdrücke, die den sozialen Charakter eines Ortes lesbar machen. Diese Ausdrücke oder Spuren von Interventionen können von Passanten stammen. Oft handelt es sich um große und kleine, Symbole, Bilder und lebhaft Geschriebenes, das im vorübergehenden Moment den stummen Fassaden unseres Lebensraums aufgeprägt wird. Die Protagonisten dieser lebendigen, doch kaum auffallenden "Werke" sind ebenso als Autoren einer Kunst des Alltags zu nennen, wie die in der wirklichen Zeit zerstreuten Geschehnisse, Dauer und Veränderungen und Katastrophen, oder die begutachtenden und im Lauf der Zeiten vorbei flanierenden Damen und Herren Jedermann (bzw. Jederfrau). Sie alle sind die heimlichen Künstler, Autoren, Chronisten und zugleich auch das Publikum unseres gegenwärtigen Zusammenlebens – klandestin und anonym.
Die Arbeiten "Skins" kreisen damit schließlich um das Thema der vielen unterschiedlichen Orte der Kunst. Die Malerei funktioniert dabei wie eine Reproduktionstechnik, die die lebendige unmittelbare Sprache der an verschiedenen Orten entstehenden Bilder aufnimmt. Sie hilft, die permanent vom Verschwinden (z. B. durch Übermalen oder Restauration) bedrohten Ausdrucksmomente auf quasi-natürliche Weise zu vergegenwärtigen und kann einen Dialog zwischen den weißen Wänden der Galerien und den grauen Wänden der städtischen Lebensräume anregen.

up